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Tatort: Zorn
Kritik der fm50.app-Redaktion
3,0
solide
Tatort: Zorn

Ein Reichsbürger-und-Ruhrpott-Krimi

Von
So häufig man sich in den vergangenen Jahren auch über die bisweilen seltsam anmutenden Programmplanungen der ARD – einige „Tatort“-Teams ermittelten jahrelang gar nicht, andere mehrfach binnen weniger Wochen – gewundert haben mag: Dass Andreas Herzogs Dortmunder „Tatort: Zorn“ im Januar 2019 seine TV-Premiere feiert, hätte die Sendergemeinschaft passender kaum terminieren können. Schließlich ist es gerade einmal vier Wochen her, dass die letzte Zeche im Ruhrpott ihre Tore geschlossen hat – und „Schicht im Schacht“ heißt es damit nicht nur in Bottrop, sondern auch in diesem „Tatort“. Allerdings nicht für die Kommissare aus der Stadt des momentanen Tabellenführers der Fußball-Bundesliga, die nach einigen Anlaufschwierigkeiten mittlerweile zu den populärsten Teams der Krimireihe zählen: Faber & Co. ermitteln in Herzogs Krimi unter ehemaligen Steigern, Kumpeln und deren Ehefrauen – in einem klassischen Arbeitermilieu also, das das Ruhrgebiet über Jahrzehnte geprägt hat. Dass es die Ermittler im „Tatort“ bei ihrem 13. gemeinsamen Einsatz nicht „unter Tage“ verschlägt, ist keine Überraschung, schließlich sind ja jetzt alle Zechen zu – etwas mehr Tiefgang im Hinblick auf sein Kernthema hätte dem Film aber trotzdem gut zu Gesicht gestanden.

Der Strukturwandel im Ruhrgebiet macht auch vor Dortmund nicht halt: Die Zeche „Sophie Charlotte“ ist stillgelegt und von Investoren in einen modernen Erlebnispark umgebaut worden. Als der ehemalige Bergmann Andreas Sobitsch (Daniel Fritz) erschossen aufgefunden wird, verschlägt es die Dortmunder Hauptkommissare Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Jan Pawlak (Rick Okon) und Oberkommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) zuerst in die Zechensiedlung, in der der Tote gewohnt hat. Dort herrscht Streit unter den ehemaligen Bergleuten: Die Ex-Kumpel Ralf Tremmel (Thomas Lawinky) und Stefan Kropp (Andreas Döhler) sind mit den Jobs, die ihnen der Betreiber des neuen Parks angeboten hat, alles andere als zufrieden. Kropps Frau Frederike (Mona Kloos) sehnt sich ohnehin nach einem Neuanfang. Und Sobitsch hatte sich gegenüber der Zeche stets für die Interessen der Bergleute stark gemacht – ebenso wie Vermittler Klaus Radowski (Peter Kremer), der auf Widerstand unter seinen ehemaligen Kollegen stößt. Eine weitere Spur führt Faber zu dem militanten Reichsbürger Friedemann Keller (Götz Schubert), der sein Grundstück zum eigenen Staatsgebiet erklärt hat und hermetisch von der Außenwelt abschirmt…

Nach über 30 Jahren unter Tage zum Abschied ‘n Arschtritt“, fasst der abgehalfterte Ex-Kumpel Ralf Tremmel, der zum Kreis der Tatverdächtigen zählt und in seinem Wohnwagen ein kümmerliches Dasein fristet, das Schicksal der Bergleute beim Besuch der Kommissare verbittert zusammen. Was es für einen Arbeiter aus dem Ruhrgebiet bedeuten muss, sein halbes Leben tief unter der Erde geschuftet zu haben, in Zeiten des Kohleausstiegs seine Papiere ausgehändigt zu bekommen und plötzlich ohne echte Perspektive auf der Straße zu stehen, mag man als Außenstehender nur erahnen – viel schlauer ist man nach der Sichtung dieses Ruhrpott-Krimis aber auch nicht. Denn Drehbuchautor Jürgen Werner („Zivilcourage“), der auch den Großteil der bisherigen „Tatort“-Folgen aus Dortmund schrieb, nimmt den Zuschauer nur in der ersten Filmhälfte mit auf einen Ausflug ins Arbeitermilieu und deren Stammkneipe: Dort ist man von der Stilllegung der Zeche und der Umwandlung in die „Erlebniswelt Kohle & Stahl“ naturgemäß wenig begeistert und steht dem Strukturwandel im Ruhrgebiet entsprechend skeptisch gegenüber.

Im Mittelteil eröffnet Werner dann aber einen zweiten Schauplatz: Mit Reichsbürger Friedemann Keller, der sein „Freies Reich Frieden“ im Ernstfall auch mit der Waffe gegen die deutsche Staatsgewalt verteidigt, und der selbstverliebten Staatsschutz-Kollegin Dr. Klarissa Gallwitz (Bibiana Beglau), die Keller aus der Schusslinie halten will, kommt die Geschichte just in dem Moment vom Kurs ab, in dem sie so richtig interessant wird. Denn statt beim Stimmungswandel unter den Bergleuten Tiefenbohrung zu betreiben, kratzen Werner und Regisseur Andreas Herzog nur an der Oberfläche und widmen sich stattdessen einem Thema, das 2018 im Münchner „Tatort: Freies Land“ schon deutlich differenzierter aufgearbeitet wurde. Während sich Fabers Flirt mit Gallwitz anfangs angenehm subtil und reizvoll gestaltet, aber bald in die obligatorischen Zuständigkeitsscherereien und Machtspielchen mündet, die sich schon im letzten „Tatort: Wahre Lügen“ beobachten ließen, hat Bönisch diesmal andere Sorgen: Ihre Rückenprobleme lässt sie sich per Reiki kurieren – ein seltsamer Exkurs, der wohl für Lacher sorgen soll und im seichten Vorabendprogramm kaum schlechter aufgehoben gewesen wäre.

Deutlich reizvoller gestaltet sich das zwischenmenschliche Erdbeben, von dem das Polizeipräsidium in diesem „Tatort“ erschüttert wird: Waren es in den vergangenen Jahren meist die ewigen Streithähne Faber und Daniel Kossik (Stefan Konarske), die aneinandergerieten, sind es nun Kossiks Nachfolger Pawlak und seine gleichaltrige Kollegin Dalay, deren Meinungsverschiedenheiten aus dem letzten Dortmunder „Tatort: Tod und Spiele“ sogar in Handgreiflichkeiten münden. Hier ist der „Tatort“ aus dem Ruhrgebiet voll in seinem Element und auch beim Showdown herrscht gleich an zwei verschiedenen Schauplätzen Hochspannung: Während Faber sich dem Reichsbürger nähert und damit (wie schon im großartigen „Tatort: Sturm“) vor allem das SEK auf die Palme bringt, wagt Dalay einen Alleingang vor spektakulärer Kulisse auf dem stillgelegten Zechengelände, die dem Ruhrpott-Krimi ganz hervorragend zu Gesicht steht. Und dann ist da noch Serienmörder Dominik Graf (Florian Bartholomäi), der in diesem „Tatort“ zwar nur auf Fotos vorkommt, ihn aber nachhaltig prägt und der seinem Erzfeind Faber sicher noch einmal begegnen wird: Die vielen Fans der Folgen aus Dortmund wird es freuen.

Fazit: Andreas Herzogs „Tatort: Zorn“ ist ein solider Krimi aus dem Ruhrpott, der das Potenzial des Arbeitermilieus zwischen Zeche und Stammkneipe aber nicht vollständig ausschöpft.
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